Zurück 28.10.2026

Warum das Stromnetz unter Druck gerät

Das Stromnetz ist eine Infrastruktur, die jahrzehntelang auf einen bestimmten Betrieb ausgelegt wurde: Grosskraftwerke speisen oben ein, der Strom fliesst nach unten zu den Verbrauchern. Morgens steigt der Bedarf, abends auch, nachts sinkt er. Das war planbar. Das Netz war darauf ausgelegt, diese Schwankungen zu puffern. Doch dieses Bild stimmt so nicht mehr.

Was sich verändert hat

In den letzten Jahren sind zwei Entwicklungen gleichzeitig eingetreten, die das Netz auf eine Art belasten, die es früher so nicht kannte.

Auf der einen Seite wächst die dezentrale Einspeisung. Photovoltaikanlagen auf Hausdächern, kleine Windräder, Blockheizkraftwerke: Strom wird heute an tausenden Orten gleichzeitig produziert, oft genau dort, wo früher nur verbraucht wurde. Das klingt zunächst positiv, und das ist es auch, aber es bringt eine neue Herausforderung mit. Das Netz muss nun in beide Richtungen funktionieren. Wenn die Sonne scheint und viele Anlagen gleichzeitig einspeisen, fliesst der Strom plötzlich von unten nach oben, von den Haushaltsleitungen in die Verteilnetze. Das war technisch so nie vorgesehen.

Auf der anderen Seite wächst die Nachfrage nach elektrischer Leistung. Wärmepumpen ersetzen Ölheizungen. Elektroautos ersetzen Benzinfahrzeuge. Beide Technologien sind sinnvoll und wichtig für die Energiewende. Aber beide ziehen, wenn sie laufen, erhebliche Mengen Strom aus dem Netz. Eine Wärmepumpe kann je nach Grösse und Aussentemperatur zwischen zwei und acht Kilowatt benötigen. Eine Ladestation für ein Elektroauto zieht bei normaler Hausladung typischerweise elf Kilowatt, bei schnellem Laden auch deutlich mehr. 

Was eine Lastspitze ist und warum sie zählt

Der Begriff „Lastspitze" taucht in Diskussionen über das Stromnetz immer häufiger auf. Er beschreibt den Moment, in dem besonders viel Leistung gleichzeitig aus dem Netz bezogen wird. Eine einzelne Lastspitze in einem einzelnen Haushalt ist für das Netz kein Problem. Problematisch wird es, wenn viele Haushalte gleichzeitig hohe Leistung abrufen.

Ein konkretes Bild: An einem kalten Januarabend kehren viele Menschen gleichzeitig nach Hause zurück. Die Wärmepumpen, die tagsüber vielleicht auf einem niedrigeren Niveau liefen, werden hochgefahren. Die Elektroautos werden eingesteckt. Die Herdplatten gehen an. Der Boiler, der über den Tag etwas abgekühlt ist, heizt nach. Das alles passiert in einem engen Zeitfenster, oft zwischen 17 und 20 Uhr. Der Strombedarf in dieser Stunde kann ein Vielfaches des Mittelwerts des Tages betragen.

Das Netz muss diese Spitze abdecken können. Das bedeutet, Leitungen, Transformatoren und Schaltstationen müssen für diese maximale Belastung ausgelegt sein, auch wenn sie den Rest des Tages weit darunter betrieben werden. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wer ein Auto kauft, das 200 km/h fahren kann, aber fast immer 80 km/h fährt, zahlt trotzdem für den Motor, der 200 km/h schafft. Beim Stromnetz ist es ähnlich. Die Infrastruktur wird für die Spitze gebaut, nicht für den Durchschnitt.

Dezentrale Einspeisung als neue Herausforderung

Photovoltaikanlagen produzieren Strom, wenn die Sonne scheint. Das ist mittags am stärksten, im Sommer mehr als im Winter, und fällt bei Bewölkung rasch ab. Diese Produktion lässt sich nur begrenzt steuern. Wenn an einem sonnigen Mittag im Mai tausende Solaranlagen gleichzeitig einspeisen, kann es auf der Verteilnetzebene zu einer Überlastung kommen, selbst wenn gerade wenig verbraucht wird.

Das Netz war ursprünglich auf einen Stromfluss von oben nach unten ausgelegt: von den grossen Kraftwerken über das Übertragungsnetz, dann durch die Umspannwerke, schliesslich in die Verteilnetze und zu den Haushalten. Heute gibt es Rückwärtsflüsse. Strom, der auf einem Hausdach produziert wird, muss unter Umständen durch die gesamte Verteilnetzstruktur in umgekehrter Richtung transportiert werden. Das erfordert angepasste Schutzkonzepte, neue Messtechnik und teilweise stärkere Leitungen.Zentrale vs. dezentrale Einspeisung

Was Swissgrid damit zu tun hat

Swissgrid betreibt das schweizerische Übertragungsnetz, also die Hochspannungsebene. Die Kosten, die dort anfallen, werden auf die Verteilnetzbetreiber umgelegt, und diese geben sie an die Endkunden weiter. In den letzten Jahren hat Swissgrid den Anteil der leistungsabhängigen Netznutzungskosten massiv erhöht. Das hat direkte Konsequenzen: Wer als Netzbetreiber hohe Leistungsspitzen ins Übertragungsnetz meldet, zahlt mehr. Das schafft einen starken Anreiz, Lastspitzen bereits auf der lokalen Ebene zu reduzieren.

Das ist ein wichtiger Hintergrund für die bevorstehenden Tarifanpassungen. Es geht dabei nicht nur um lokale Netzkosten. Die Kosten auf Übertragungsnetzebene sind real, reguliert und steigen mit der Leistungsspitze.sg_startnetz_en_rgbBildquelle: Swissgrid

Warum Netzausbau allein keine vollständige Antwort ist

 


Die intuitive Reaktion auf ein überlastetes Netz ist: ausbauen. Stärkere Leitungen, grössere Transformatoren, mehr Kapazität. Das ist manchmal die richtige Antwort, aber nicht immer die einzige, und selten die günstigste. Im Schweizer Regulierungsrahmen gilt das sogenannte NOVA-Prinzip: Netzoptimierung vor Netzverstärkung vor Netzausbau. Das bedeutet, bevor neue Infrastruktur gebaut wird, soll geprüft werden, ob das vorhandene Netz durch intelligente Steuerung besser genutzt werden kann.

Nova-Prinzip

Lastspitzenreduktion ist ein Teil dieser Optimierung. Wenn Haushalte ihren Strombezug zeitlich entzerren, verringert sich die Spitzenlast im Netz. Weniger Spitzenlast bedeutet, dass bestehende Leitungen und Transformatoren länger ausreichen, bevor ausgebaut werden muss. Das ist keine theoretische Überlegung. Konkrete Berechnungen zeigen, dass eine moderatere Lastspitze den Investitionsbedarf in die Netzinfrastruktur über Jahre hinausschieben kann.

Was das mit dem Alltag zu tun hat

Auf den ersten Blick klingt das nach einem technischen Problem, das Ingenieure lösen müssen. Tatsächlich aber hängen die Netzkosten, die alle Kundinnen und Kunden bezahlen, unmittelbar davon ab, wie das Netz genutzt wird. Ein Netz, das für hohe Spitzenlasten ausgebaut werden muss, ist teurer. Diese Kosten werden über die Netznutzungstarife auf alle Nutzenden umgelegt, unabhängig davon, wer die Spitzen verursacht hat. Mit dem neuen Netztarif ab dem 1. Januar 2027 werden die Netzkosten verursachergerecht abgerechnet. Das bedeutet: diejenigen, die das Netz stark belasten, haben in Zukunft höhere Stromkosten. 

Das ist also der Ausgangspunkt für das neue Tarifmodell, das ab 2027 eingeführt wird. Wer die Grundlagen kennt, versteht die Logik dahinter. Die nächste Folge widmet sich genau dem: wie Lastspitzen entstehen, was im Netz passiert, wenn sie auftreten, und wie sie sich beeinflussen lassen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie «Energie einfach erklärt».

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